Kalte Heimat

Was heißt woher?

Ich komme aus Polen. Aus der Nähe von Oppeln. Das erste Mal sind wir 1945 geflohen. Ja … und das hat unsere Mutter uns kurz vor ihrem Tod, dass sie uns mal auf der Flucht verloren hatte. Der Zug stand da, wir waren schon drin, völlig überfüllt alles, und sie musste, warum auch immer, nochmal raus. Und während sie draußen ist, fährt der Zug ab und wir waren weg. Und dann ist sie, so erzählte sie, einen Tag und eine Nacht neben den Gleisen her gelaufen. Und plötzlich saßen wir drei draußen neben den Gleisen. Das hatte jemand beobachtet und hat uns aus dem Zug rausgesetzt. Fünf, vier und zwei Jahre alt. Waren wir.

Weil mein Vater ja in Ansbach aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden war, der war da auf diesem Bauernhof. Und irgendwann schrieb sie: „Jetzt komm ich wieder! Jetzt geh ich wieder auf die Flucht! Jetzt komm ich wieder schwarz, das hab ich ja schon zwei Mal gemacht.“ Und dann schrieb er zurück: „Tu das nicht, das ist zu gefährlich!“ Und dann schrieb sie darauf: „Wär ich so ängstlich wie du, wären unsere Kinder in Schlesien verhungert und in Halle erfroren!“

An eins kann ich mich erinnern und das war für uns, also unglaubliches Erlebnis! Wir sind, meine Schwester und ich, in die Schule gekommen, hatten ja kein Schulranzen und gar nichts. Wir hatten jede so ne Stofftasche, wo wir unsere Bücher getragen haben und Hefte. Und eines Tages …hat’s an der Schulzimmertür geklopft. Der Lehrer ging raus und hat meine Schwester und mich rausgeholt und da stand die Mutter einer Mitschülerin draußen mit zwei Schulranzen.

Ich bin dann Bayerin geworden. Ich bin seit 50 Jahren in Nürnberg. Also da draußen in dem Dorf, das wäre nicht meine Sache gewesen.

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